Rinderfarm Australien
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Rinderfarm Australien

Der Schuss ging wohl nach hinten los…

Das Outback, mit all seinen Abenteuern, hatte uns in seinen Bann gezogen. Von der eher stupiden Natur bis hin zu der „daily routine“ die wir erlebten, haben wir viel Neues kennen gelernt.

Am heutigen Tag würden wir Angus kennen lernen, er ist ebenfalls ein Cowboy und zwar einer der fliegen kann, zumindest mit einem Mini- Motorflieger.

Rodger erzählte uns, dass er die nächsten Tage die Rinder nach Brisbane auf andere Weiden transportieren müsste. Um für den Transport das „richtige Vieh“ ausfindig zu machen, war er auf die Hilfe von Angus angewiesen, denn nur aus der Luft konnte man bei den enormen Entfernungen im Outback den nötigen Überblick erhalten.

Für uns hatte die Ankunft von Angus mehrere Vorteile, zum einen war er der wohl heißeste unter den Cowboys und zum anderen versprach seine Anwesenheit eine Menge Spaß. Denn er hatte einen ausgezeichneten Humor, nicht zu letzt in Kombination mit den anderen beiden jüngeren Cowboys, Ben und David. Letzterem wird, seitens Angus, nachgesagt er würde aussehen wie „Krusty der Clown“ von den Simpsons.

Lässig bei dem einen oder anderen Bier plauderten wir ein wenig, spielten Billard, Dart und Karten. An einem der Nachmittage durften wir dann einmal beim Start und der Landung des Mini- Motorfliegers zusehen und an einem anderen Nachmittag gaben sie uns Fahrstunden auf dem Quad.

Dass war in der Tat eine lustige Sache, vor allem als zwei der Männer beim Tempo von 25 km/h vom Fahrzeug fielen, aufgrund meiner doch recht rasanten Fahrweise in den Kurven.

Einige heiße Tage später, wobei „heiß“ in diesem Fall ausschließlich auf das Wetter bezogen ist, sollte der Viehtransport stattfinden. Zusammen mit dem Vieh würden allerdings auch Angus, Ben, David aka. Krusty und der „Weinachtsmannähnliche“ sowie Rodger aka. el jefe selbst verschwinden.

Dies sollte jedoch nicht heißen, dass wir die kommenden paar Tage allein sein würden, nein.

Der Plan: Debby kommt aus dem „Urlaub“ wieder, bringt ihre beiden Kinder und ihren Neffen mit und im gleichen Atemzug verschwinden alle Cowboys. Einen Tag später würden sich auch Debby und Rodger mit dem Viehtransporter auf den Weg machen.

Soll heißen- Am Ende würden Frauke und ich neben unserem Talent als „Tier- Nanny“, „Garten- Fee“ und „Super- Hausfrau“ auch noch unser Talent als “Babysitter“ unter Beweis stellen.

Gut ausgeschlafen haben Frauke und ich am nächsten Tag die Küche betreten. Etwas länger als normal konnten wir diesmal schlafen, weil Debby für heute alles wieder in die Hand nehmen wollte. Von den Cowboys wurde sie übrigens immer als „Mannsweib mit Herz“ bezeichnet. Hört sich im ersten Moment ein wenig nach Spott an, war aber in Wirklichkeit nett gemeint.

Die Bezeichnung als Mannsweib hat Debby bekommen, weil sie durch ihre Kurzhaarfrisur und den eher praktisch ausgelegten Kleidungsstil nun mal dazu neigte eher einem Kerl zu ähneln, statt einer vornehmen Dame. Dennoch Debby ist ein herzensguter Mensch, außerdem befanden wir uns im Outback, um mal eine allgemeingültige Ausrede herbeizuziehen bezüglich des Aussehens.

Als wir da nun so in der Küche standen um uns ein wenig „rainwater“ in unsere Flaschen abzufüllen, trafen wir auch schon Debby an, die uns freudestrahlend empfing. Auch wir waren froh sie wieder zu sehen, irgendwie so als hätten wir einen lange geliebten Mensch nach Jahren wiedergetroffen.

Nach einem kurzen Gespräch und viel Lob von Debby`s Seite, bekamen wir quasi „frei“ für den Tag.

Geil. Die Massagesessel in der Stube vor den Fernsehern gehörten uns. Schnell noch ein paar Kekse klar gemacht und ab vor die Glotze. Wir hatten die Wahl zwischen der Star Wars Trilogie und einer Menge no-name Filmen, bis hin zu dem Film unserer Kindheit „Mary Poppins“.

Wir entschieden uns für letzteren, denn wir konnten uns noch zu gut an den Film, den wir all zu oft in jungen Jahren gesehen haben, erinnern. Nie hätten wir allerdings gedacht, dass in dem verdammten Film so unglaublich viel gesungen wird. Aber gut, was soll`s?

Später am Nachmittag haben wir uns dann noch ein bisschen in die Sonne geschmissen, Zeitschriften gelesen und natürlich die Kinder kennen gelernt; Junior, Renè und Josh, allesamt im Alter zwischen 12 und 14 Jahren.

Wie immer haben Frauke und ich passende Kosenamen gefunden, allerdings diesmal nur für Josh. Diesen nannten wir nämlich aufgrund seines leichten und total beschissen aussehenden Oberlippenbarts: „Fritte“.

Zu unserem Erstaunen waren die Kinder eher zurückhaltend bis schüchtern, jedoch hilfsbereit. Dass das dicke Ende noch folgen sollte, war uns bis hierher nicht bewusst.

Am frühen Abend war es dann soweit, die „Arbeiter- Cowboys“ verabschiedeten sich und auch für uns neigte sich der Tag dem Ende zu. Morgen sollten wir dann vollkommen allein sein mit den Kids.

Die Notfallnummer lag bereits neben dem Telefon parat.

Misstrauisch wachten wir am nächsten Morgen auf. Nicht etwa, weil Stille herrschte wie im Outback üblich, sondern weil bereits um sechs Uhr morgens „high life“ angesagt war.

Wir wurden per Alarm aus den Betten gehauen, weil die Jungs an dem Telefon herumgespielt haben und die Leitung bis nach draußen geht, damit die Arbeitenden es auch bis dahin hören konnten. Schlussfolgernd daraus muss der Ton sehr laut sein, welches wir diesen Morgen auch spüren durften.

Der erste Schock war überwunden, nachdem wir dann aufgestanden sind sahen wir die Kinder auch schon durch die Bude rennen, die Fernseher liefen und auch die Waschmaschine schleuderte mit lauten Geräuschen irgendetwas durch die Gegend, nur Kleidung konnte es beim besten Willen nicht sein.

Auf Rodger und Debby konnten wir bei diesem Chaos wohl nicht mehr zählen, denn die haben sich schon um vier  Uhr an diesem Morgen auf den Weg nach Brisbane gemacht.

Zurück zum Mysterium Waschmaschine: Nicht nur dass diese halbvoll mit Wasser stand, nachdem sie wohlgemerkt fertig gewaschen hatte, sondern auch die Tatsche dass einer der Jungen seine Tasche mit dem kompletten Inhalt dort hinein geschmissen hat, verbesserte die Lage nicht sonderlich.

Ohne Rücksicht auf Verluste wurde die Waschmaschine bis zum Anschlag gefüllt und uns die Hausarbeit somit erschwert. Was sich in der Maschine neben etlichen Klamotten noch so befand ist schon fast nicht mehr witzig. Von Bilderrahmen, aus denen die Bilder nun vollständig raus gewaschen waren, bis hin zu Steinen und Stiften war so ziemlich alles anzufinden. All diese eher untypischen Gegenstände für eine Waschmaschine, verstopften den Abfluss, sodass Frauke und ich nach dem ersten Lachflash erst mal die Aufgabe hatten dieses Chaos wieder zu bereinigen.

Nachdem die Waschmaschine ausgeräumt war und die restlichen Sachen an der Leine hingen um zu trockenen, breiteten wir zusammen das Mittagessen vor und die Kinder halfen uns im Anschluss bereitwillig die Tiere zu füttern und den Scheißhaufen zu wenden. Als Belohnung wollten wir dann mit ihnen zu einem nahe gelegenen Wasserloch gehen, damit sie da ein bisschen spielen konnten.

Wir erledigten nur noch eben schnell den Abwasch, als Frauke auch schon hektisch mit dem Handtuch wedelte und meine: „Jantje, Jantje, da ist gerade jemand mit dem Auto auf dem Hof herumgekurvt!“

Ungläubig schaute ich nach draußen, sah aber nichts. Da der Fernseher wie immer lief, dachten wir die Kinder würden friedlich davor sitzen und sich einen Film reinziehen. Doch weit gefehlt, bei längerem Beobachten des Fensters erblickte nämlich auch ich das Auto und am Steuer saß niemand geringeres als das jüngste der Kinder.

Geschockt, dass ein 12 jähriger Junge Auto fuhr und dass mit geschlagenen 50 kmh auf dem kleinen Hof, hielt uns dazu an raus zu rennen.

Wir haben die Aufsichtspflicht verletzt und machten uns ernsthafte Sorgen. Die Kinder hingegen blieben auch als sie uns sahen nicht stehen, sondern lachten uns aus und bretterten weiter durch die Gegend, bis der ältere der Jungen auf den Hof kam und die anderen zwei zum Anhalten brachte.

Mit dem Schrecken im Gesicht fragten wir die Jungen was das Ganze sollte, als diese uns entgegneten dass es normal sei, bereits in jungen Jahren Auto zu fahren im Outback. Trotzdem riefen wir Debby an und ließen uns dies noch einmal bestätigen.

Im Outback seinen nicht so viele Gefahrenquellen wie im normalen Stadtverkehr, daher dürfte man ab 14 Jahren im Outback auf der Farm oder dem elterneigenen Hof Auto fahren. Die Tatsache, dass der jüngste von den Brüdern Auto fahren konnte, hatte allerdings den Grund, dass Debby und Rodger einmal sehr krank waren und einer der Kinder sie zum nächsten Arzt fahren musste, weil der „Flying Doctor“ die Farm aufgrund von Hochwasser bei einer Wetterkatastrophe nicht erreichen konnte.

Für solch eine Art von Notfällen ist es wichtig, dass die Kinder fahren können.

Dem entspannten Baden im Wasserloch, in mitten der Wüste, stand nun nichts mehr im Weg. Alle zusammen fuhren wir mit dem Auto zum 15 Minuten entfernen Badespaß.

Damit hätte der Tag auch einen wunderbaren Abschluss finden können, doch es kam anders.

Am Abend als Frauke und ich uns noch ein wenig in der Küche unterhielten, Kaffee tranken und aufräumten, während die Kinder ruhig in der Stube X-Box spielten, gab es einen lauten Knall.

Das ohrenbetäubende Geräusch schreckte uns auf und ließ uns in die Stube schnellen. Von der Stube ging ein weiterer Raum aus, das Büro, aus dem uns auch schon zitternder Weise René entgegen kam. Er brachte kein Wort raus, zitterte am ganzen Körper und hatte die Augen weit aufgerissen.  

Was wir vorfanden schockte uns mal wieder.

Der PC lief und die anderen beiden Jungen befanden sich ebenfalls im Raum, keiner sprach alle versuchten uns wieder aus dem Raum zu drängen, bis auch wir mal lauter wurden und um Aufklärung baten.

Keiner sagte etwas.

In der Wand, sowie in dem Schrank unmittelbar über dem PC fanden wir Löcher vor, es waren Einschusslöcher. Tatsächlich, die Chaoten hatten nichts Besseres zu tun, als mit einer geladenen Waffe zu spielen und dabei hätten sie sich fast gegenseitig das Hirn weggepustet.

Josh, war dabei derjenige, der am PC saß und nun erst mal für einige Minuten taub war aufgrund des Lärms der bei dem Schuss entstand.

Nun sollte die ganze Aktion vertuscht werden, die Jungen versuchten törichter Weise ausgerechnet Familienbilder über die Einschussstellen zu hängen. Das war allerdings so lächerlich, dass es schon fast wieder witzig gewesen ist. Aber in dieser ernsten Situation mussten wir, und gerade ich, uns das Lachen wirklich verkneifen.

Nicht nur die Löcher, auch der Ausfall der Klimaanlage waren Folge des Unfalls.

Zu allem Übel rief Debby auch noch ca. 15 Minuten nach dem Geschehen an. Es war zwar nur ein Kontrollanruf, aber dennoch wollten wir solch eine Hiobsbotschaft nicht am Telefon übermitteln und schon gar nicht wenn die Jungen mit zitternder Stimme und voll Aufregung in den Knochen neben sich standen.   

Der Jüngste ging ans Telefon, versicherte dass alles in Ordnung sei und setzte sich wieder zu uns an den Küchentisch um die Sache zu klären Wir sprachen darüber wie es dazu kommen konnte, warum ausgerechnet mit einer geladenen Waffe gespielt werden musste und was für mögliche Folgen es hätte geben können.

Wirklich beruhigen konnten wir die Situation nicht, aber nach dem Gespräch fühlten wir uns alle ein wenig besser und sind zu dem Entschluss gekommen, dass wenn Debby und Rodger wieder da seinen wir ihnen alles erzählen würden.

Natürlich haben die Jungen uns gebeten den Eltern nichts zu erzählen, aber da mussten sie nun durch. Sie sollten zu dem was sie getan haben stehen und sich ernsthaft damit auseinandersetzten und dazu gehörte nun mal auch die Beichte an die Eltern.

Nun kamen jedoch auch uns Bedenken, denn die Jungen schilderten uns warum sie es nicht erzählen wollten: Angeblich würde Rodger zu handgreiflichen Übergriffen neigen.

Im ersten Moment konnten wir uns das nicht vorstellen, da wir nun mal auch die Bekanntschaft mit Rodger machen durften, doch andererseits kannten wir ihn auch erst seit zwei Wochen.

Nichtsdestotrotz musste die Wahrheit ans Tageslicht und sollte auf gar keinen Fall vertuscht werden. Wir haben den dreien daher auch angeboten uns zusammen mit ihnen und den Eltern an einen Tisch zu setzten und ihr Gewissen in unserem Beisein zu bereinigen.

Einen Tag später war es dann auch so weit, Debby und Rodger kamen gut gelaunt aus Brisbane zurück. Das Vieh wurde gut untergebracht und auch die anstrengende Fahrt ist wohl gut verlaufen.

Renè, der mit der geladenen Waffe gespielt hat und den Schuss löste war die Angst schon wieder ins Gesicht geschrieben, Schweißperlen machten sich auf seiner Stirn bemerkbar und bevor er zu Debby rannte und zu weinen anfing, baten wir alle in die Küche.

Das Gespräch konnte beginnen.

Es wurde gar nicht lange um den heißen Brei geredet. Es folgten kurze Sätze in denen die knallharten Fakten untergebracht wurden.

Debby schweigte, fing dann an Fragen über Fragen zu stellen: Warm, wieso, weshalb…?

Rodger kam hinzu und alles wurde immer dramatischer von einem ruhigen, klärenden Gespräch war nun nichts mehr zu sehen. Junior und Fritte sind derweil aus dem Raum gegangen. Debby forderte auch uns auf zu gehen.

Plötzlich fing das Geschreie an und ich sah aus dem Augenwinkel nur wie Debby Rodger eins mit der Zeitung rüberzog. Sie fluchte und beschimpfte ihn, warum er so fahrlässig handeln würde und die geladene Waffe einfach so im Haus herumliegen ließ.

Während Debby nun auch die Küche verließ und auf uns zu steuerte, verzogen sich Rodger und René in Büro. Alle Türen schlossen sich.

Wir haben in der Zwischenzeit die gesicherte Waffe aus unserem Zimmer geholt und Debby in die Hand gedrückt.

Denn nach dem Unfall hab ich den Revolver vorsichtshalber an mich genommen.

Noch immer hatten wir ein schlechtes Gewissen, denn auch wir waren an der Sache nicht ganz unbeteiligt, zumindest haben wir die Aufsichtspflicht verletzt. Debby erlöste uns jedoch von unserem schlechten Gewissen und sagte uns es sei Rodgers Fehler, weil er die geladene Waffe nicht hätte im Haus herumliegen lassen sollen. Sie sah die Schuld also bei Rodger und den Kindern, war aber hauptsächlich einfach nur erleichtert, dass nichts Schlimmeres passiert ist.

Nach einer halben Stunde kam dann auch René aus dem Büro und Rodger fing zu lachen an. Alles schien wieder in Ordnung zu sein.

Bei René sah man lediglich die roten Augen leuchten von dem Geweine. Aber letztlich wissen wir alle nicht was hinter der geschlossenen Tür abgelaufen ist und ob das Verhalten der beiden Männer nicht doch nur ein gutes Schauspiel gewesen ist.

Frauke und ich konnten jedoch nichts an der Familienstruktur bzw. den Erziehungsmethoden ändern oder irgendwie eingreifen, dazu kannten wir die Familie zu wenig. Wir waren froh, dass unser Aufenthalt im Outback am nächsten Tag zu Ende gehen würde und wir bis hierher wunderbare Erfahrungen sammeln konnten.

Wir haben mit Sicherheit viel gelernt und wenn es „nur“ ein größeres Verantwortungsbewusstsein war und die Outback- Erfahrung an sich!