Das Hostel des Grauens
Hinter uns lagen nun drei Tage Erholungsurlaub, so nannten wir zumindest unseren Kurztripp, vor uns lag die Reise in eine neue Großstadt: Brisbane.
Brisbane, ist die drittgrößte Stadt Australiens und wird von uns Backpackern immer nur "Brissie" genannt. Sie sollte uns neue Hoffnungen auf einen Job geben und wir waren ebenfalls gespannt was uns nun wieder für neue Abenteuer erwarten würden. Wir waren voller Spannung als wir uns auf die dreistündige Busfahrt vorbereiteten und uns erste Stullen schmierten.
Tatsächlich, nach der vergleichsweise recht kurzen Busfahrt in eine neue Stadt, die fast genauso wie Sydney, unter Hektik und Trubel stand, erreichten wir das Brisbane Transit Center.
Was wir jetzt noch nicht wissen konnten, ist dass Brisbane ein magischer Anziehungspunkt unserer Reise werden sollte, weil wir immer wieder nach Brisbane zurückkehren würden. Doch vorerst hatten wir die Aufgabe unser Hostel ausfindig zu machen:
Valley Veranda, das Hostel welches angeblich im Kolonialstil gehalten werden sollte.
Die Riesengurke, alias mein 20 kg schwerer Backpack wurde auf den Rückengeschnallt und drei weitere Taschen vor meiner Brust verstaut und losgehen sollte die rund zwei Stunden lange Wanderung durch die Großstadt, ganz ohne Plan, ganz ohne Hilfe.
Verpeilt eierten wir, wie wir es auch schon so oft in Sydney taten durch die Gegend und versuchten trotz der prallen Sonne, die sich auf uns eingeschossen hatte, unseren Weg zu finden. Mehrere Zwischenstopps waren nötig bis wir aus dem Stadtgetümmel herausfanden.
Die Schweißperlen rannten uns nur so das Gesicht herunter und vom guten Geruch war auch keine Spur mehr, im Gegenteil, ich hatte das Gefühl dass die Leute um uns herum schon freiwillig Platz gemacht haben. Weil die ganze Situation für Frauke und mich mal wieder mehr als typisch war mussten wir teilweise auch wirklich darüber lachen und ganz besonders gut ging es uns als wir das Hostel auftaten.
Frauke rannte erst mal ganz verwirt mit ihrem Rollköfferchen dran vorbei, währenddessen ich vor dem Hostel des Grauens stand. Der Horror konnte beginnen…
In deinem Moment bereuten wir es zutiefst ein Hostel am Stadtrand ausgewählt zu haben und dann musst es natürlich auch noch eines im Kolonialstil sein. Was am Ende jedoch dabei raus kam, hatte nichts mit Stil zu tun. Aufmerksam bin ich übrigens auf das vermeidliche Hostel geworden, weil eine total hässlich aufgemalte Hausnummer die Straße zierte und ich eigentlich nur kurz stehen geblieben bin, um mich über diese Schmiererei lustig zu machen.
Dass wir allerdings mal wieder den Jackpott gezogen haben mit der Wahl unseres Hostels konnten wir bis dato noch nicht wissen. Begrüßt wurden wir von ca. 20 Chinesen, die im Eingangsbereich (wenn es den überhaupt gab) herumgammelten. Unser Urteil:
Ein dicker erfolgloser Mann, höchstwahrscheinlich getrennt von seiner Frau, hat sich entschieden sein Eigenheim umzubauen und ein Hostel draus werden zulassen. Ein paar Wände einreißen, woanders neue Wände hochziehen und fertig ist die Laube. Genauso fühlten wir uns auch.
Das Büro, welches gleichzeitig die Rezeption sein sollte, war ein schäbiger, kleiner Raum, in dem eine zugequalmte, alte Dame saß. Erschöpft von dem Fußmarsch und zu faul um uns heute noch auf die schnelle ein anderes Hostel zu suchen ließen wir uns die Zimmerschlüssel für drei Nächte geben.
Es war ein Vierer-Zimmer für den Preis von 25 $, was uns sehr billig erschien. Nachdem wir die bereits knautschende Treppe mit unseren Koffern hochgeklettert sind, stolperten wir ca. zwei Meter weiter geradewegs in unser Zimmer. In diesem erwarteten uns logischer Weise vier Betten, von denen allerdings zwei, nämlich die unteren, belegt waren.
Frauke und mir blieb also nichts anderes übrig als uns in den oberen Betten breit zu machen. Doch bevor wir das Zimmer tatsächlich betreten konnten, mussten wir uns erst einmal durch die Türen zwängen, denn diese waren ohne Witz klein und sehr niedrig gehalten, der Türknauf allein befand sich auf Kniehöhe.
Der nächste Schock, war ein silberner Topf der wirklich riesig war. Bevor wir allerdings den Inhalt klären konnten, kam es zu einer Sache auf die ich eigentlich schon lange gewartet habe. Völliger Zusammenbruch. Frauke stellte sich mit ihrem Kopf zur Wand gelehnt an das Hochbett und sprach kein Wort mehr, währenddessen ich mich immer noch über die ganze Situation lustig machte.
Jedes einzelne Detail zog ich ins Lächerliche, bis ich bemerkte, dass Frauke völlig verstummte und immer noch ihren Rucksack auf dem Rücken trug. Stille.
Es ist doch tatsächlich das eingetreten auf dass wir beide schon länger warteten. Die Wut und die Enttäuschung sowie die Unzufriedenheit die sich breit machen, alles kam auf einmal.
Es prasselte auf uns nieder wie ein Platzregen auf der Autobahn. Ich wusste genau was nun in Frauke vorging; Wir wollten nach Hause, in unsere eigenen Betten, unsere eigenen Duschen wir wollten ETWAS unser Eigen nennen und nicht immer alles teilen müssen. Der Zeitpunkt der absehbaren Krise war gekommen. Viele Gedanken schossen mir durch den Kopf und ebenfalls viele dumme aber passende Sprüche, doch die konnte ich nun wirklich nicht raushauen. Frauke stand immer noch regungslos da und fing dann leise an zu wimmern.
Ein Weinen sollte folgen, doch ich konnte es durch ein gutes Zureden verhindern. Das Vorhaben die Lage irgendwie zu beschönigen hatte ich nun wirklich nicht und rumlabern wollte ich auch nicht. Deswegen versuchte ich Frauke mitzuteilen, dass ich ähnlich fühlte wie sie, doch versuchte das durch meine eher kühle Art und meine blöden Sprüche zu überspielen. Die Sache war so ausweglos, dass man letztlich nur drüber lachen konnte und das versuchte ich auch Frauke klar zu machen.
Erfolglos bei der Jobsuche, stets schlechte Hostels, keine Privatsphäre, ständige Peinlichkeiten die uns bloßstellten und der unendlich lange Weg nach Deutschland, der uns von der Familie und unseren Freunden trennte, machten uns in diesem Moment sehr zu schaffen. Wir erkannten das trauern oder aufregen gar nichts brachte. Helfen konnte uns einfach niemand, wir haben uns für das Projekt Australien entschieden und wollten es auch weiter angehen und zwar mit allen Höhen und Tiefen.
Erleichtert fielen wir uns wie in einem trivialen, amerikanischen Film in die Arme und fanden uns erst einmal mit allem ab. Wir konnten es uns allerdings nicht nehmen lassen noch eine kleine Runde durch das Hostel zu drehen.
Nun konnten Frauke und ich wieder lachen, und zwar herzhaft, denn das was als „Grill Area“ angepriesen wurde war in Wirklichkeit ein rostiger Gittergrill, der seinen Platz zwischen alten Holzbrettern fand.
Ähnlich gruselig anzusehen war der Pool, der alles andere als einladend zu sein schien. Grünliches Wasser und Laub zierten den Meter mal Meter Pool und auch die Aussicht die man von der Veranda genießen durfte wurde versperrt von unbeschnittenen Bäumen, die ihre Blätter überall hin abwarfen.
Der größte „Joke“ waren allerdings die Toiletten, es gab nämlich genau zwei an der Zahl, von der eine stets besetzt war. Winzig klein und total verdreckt konnte man dort sein Geschäft verrichten, aber das auch nur wenn man vorher bereit war Minimum eine Viertelstunde anzustehen.
Auch das Bad, welches aus Holz bestand und lediglich einen etwas neueren Duschkopf aufwies, glänzte durch Pilzkulturen aller Art. Herrlich, einfach herrlich. Am besten war jedoch die Tatsache, dass es dort ausschließlich nur Chinesen gab, die kein Wort mit einem wechselten.
Nun kommen wir zu dem Geheimnis um den Inhalt des silbernen Topfes, der in unserem Zimmer seinen festen Platz gefunden hatte. Nicht nur das wir bereits vor lauter Neugierde fehlerhafter Weise den Kühlschrank auf unserem Zimmer öffneten und es im Anschluss bestialisch nach Knoblauch roch, nein, auch der Topf erzielte sein Übriges.
Bis obenhin gefüllt mir einer roten Paste und kleinen Brocken stank der Topf nach unserem Öffnen durch das Mini- Zimmer. Wir lachten Tränen als abwechselnd fremde Leute zu uns ins Zimmer kamen, als wären wir gar nicht anwesend und sich bei Topf bedienten, als hatten sie tagelang nichts gegessen. Nicht schlecht. Nicht dass uns der eckelerregende Geruch, der aus dem Topf kam und fast schon einen grünen Schleier über das Zimmer legte, unseren Appetit anregte, aber so langsam bekamen auch wir Hunger.
Blöd nur, dass die Küche Öffnungszeiten besaß, na ja wie sollte es auch anders sein? Natürlich war die Küche schon geschlossen und der alte, dicke Mann bewachte diese wie ein Jagdhund der nie eine andere Aufgabe hatte. Immer noch hungrig, dafür aber mittlerweile geduscht, legten wir uns ins Bett. Die Gedanken was die Zukunft bringen würde beschäftigten uns aber zu sehr, als dass wir direkt einschlafen konnten.
Wir unterhielten uns noch eine Weile, bevor wir uns einredeten, dass auf eine schlechte oder negative Phase stets eine gute Zeit folgen sollte. Kurz bemerken möchte ich an dieser Stelle jedoch, dass wir bis zu dem Abend von unseren Mitbewohnern nur den Topf gesehen haben.

New South Wales
Brisbane